Shiatsu in der Schwangerschaft

Viele Frauen lassen sich mit Shiatsu durch die Schwangerschaft begleiten. Cora Ameer arbeitet seit vielen Jahren intensiv mit Hebammen zusammen. Im Geburtshaus am Treptower Park in Berlin arbeitet sie in eigener Praxis. Mit besonderer Freude betreut Cora Schwangere und Säuglinge und begleitet regelmäßig Geburten. In diesem wundervollen Artikel bringt sie uns ein Teil ihrer Arbeit und ihres Wissens näher.

 

SHIATSU IN DER SCHWANGERSCHAFT

von Cora Ameer
Es gibt verschiedene Intentionen für Schwangere, sich mit Shiatsu behandeln zu lassen. Entsprechend können die Schwerpunkte der Behandlung variieren. Übergeordnet folgen sie jedoch immer den drei Phasen der Schwangerschaft, die jeweils unterschiedliche Ansatzpunkte nahelegen.
Drei kurze Beispiele stehen für eine Vielzahl von Frauen, die mit der Intention in meine Praxis kommen, etwas für sich zu tun und sich bei Schwangerschaft und Geburt unterstützen zu lassen. Da meine Praxis in einem Geburtshaus ist, konnte ich mich umso besser in diesem Bereich spezialisieren und kann sehr eng mit den Hebammen zusammenarbeiten.

 

DREI TYPISCHE BEISPIELE

Eine Frau möchte nach mehreren Fehlgeburten wieder schwanger werden. Sie lässt sich regelmäßig mit Shiatsu behandeln, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten und zu integrieren, um ihrer erneuten Schwangerschaft unter weniger Stress und mit weniger Ängsten entgegensehen zu können.
Eine weitere Frau ist zum zweiten Mal schwanger. Ihr erstes Kind kam als Frühgeburt mit Kaiserschnitt zur Welt. Sie möchte sehr gerne spontan im Geburtshaus entbinden, ihre Ärzte raten ihr allerdings davon ab und sie findet nur schwer eine Hebamme, die sie begleitet. Shiatsu soll ihr vor allem helfen, ihre Mitte zu finden und ihr Selbstvertrauen zu stärken.
Eine dritte Frau möchte sich möglichst intensiv mit ihrer ersten Schwangerschaft und der Bindung zu ihrem Kind beschäftigen. In den letzten beiden Monaten möchte sie sich mit Hilfe von Shiatsu auf die Geburt vorbereiten.

 

DREI MAL DREI MONATE

Grundsätzlich wird eine Schwangerschaft unterteilt in drei Trimester: in den ersten bis dritten Schwangerschaftsmonat, den vierten bis sechsten und den siebten bis neunten. Shiatsu kann in allen Phasen sehr gut unterstützen, ausgleichen, beruhigen und stabilisieren.

 

ERSTER BIS DRITTER MONAT

Im ersten Trimester werden alle Organe und Organsysteme des Babys fertig angelegt. Ab der sechsten Schwangerschaftswoche kann der Herzschlag des Babys nachgewiesen werden, sein Herz schlägt um die 140 bis 160 Mal in der Minute. Die Umstellung auf die Schwangerschaft ist körperlich wie seelisch enorm. Vielzählige Symptomen können auftreten, etwa bleierne Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Schlafstörungen. Auch Stimmungsschwankungen sind häufig, zum Beispiel Freude und Ängste, wenn Frau und Mann sich auf die neue Situation einstellen, viele Fragen auftauchen und geklärt werden wollen, Pläne plötzlich durcheinandergeraten usw.
Auch in dieser ersten Phase sollten wir keine Angst haben, etwas falsch zu machen. Gerade in dieser Zeit kann eine Unterstützung von großem Wert sein. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) kennt sogenannte verbotene Punkte während einer Schwangerschaft. Da wir allerdings nicht akupunktieren, dürfen wir nach meiner Erfahrung alle Punkte auf den Meridianen mitnehmen. Es bieten sich grundsätzlich sanft berührende Techniken an, statt einzelne Punkte länger zu drücken oder zu halten, es sei denn bei ganz spezifischen Beschwerden. Haltende und verbindende Techniken wie zum Beispiel mit beiden Händen Bereiche des Rückens mit dem Bauch zu verbinden, etwa Herz und Uterus sowie Niere und Uterus, sind entspannend und wirken beruhigend auf das Nervensystem. Wir wollen die Energie im Uterus sammeln und halten.

 

VIERTER BIS SECHSTER MONAT

Im zweiten Trimester wächst das Baby rasant und kann schon sehr viel. So kann es zum Beispiel Fruchtwasser trinken und auch pinkeln. Nieren, Magen und Darm arbeiten schon, es verdaut und sammelt die Stoffwechselprodukte als sog. Kindspech im Enddarm. Am Ende dieses Trimesters ist das Kind circa 26 cm groß und wiegt um die 500 Gramm. Es kann bereits hören und sehen, reagiert also auch auf Reize wie Stimmen, Schall und Licht. Der Bauch wird größer, ab der 16. Woche können erste Kindsbewegungen wahrgenommen werden. Meist lassen in dieser Zeit Unwohlsein und andere Symptome nach und die Frau konnte sich gut auf die Situation einrichten.

In dieser Zeit werden oft die getroffenen Entscheidungen umgesetzt, sei es, die Schwangerschaft öffentlich zu machen, eventuelle Veränderungen beim Job, Umzug usw. Ab der 20. bis 24. Woche kann die Frau das Kind sehr viel deutlicher wahrnehmen, die Bewegungen werden stärker spürbar, Regelmäßigkeiten werden erkennbar, Beziehung und Bindung werden immer stärker. Überhaupt geht es nun sehr viel um die Bindung von Mutter und Kind. Häufig sind die offenen Fragen jetzt konkreter und wir haben gute Möglichkeiten, hier spezifisch zu unterstützen. Die Schwangere liegt während der Behandlung auf der Seite und wir haben guten Zugang, weiter mit den verbindenden Techniken zu arbeiten.

 

SIEBTER BIS NEUNTER MONAT

Im dritten Trimester ist das Kind quasi komplett entwickelt, es muss jetzt nur noch weiter wachsen und Speck anlegen. Während der gesamten Schwangerschaft nimmt die Frau zwischen circa zehn bis 14 Kilo zu. Davon sind circa ein Kilo Fruchtwasser und zwei Kilo zusätzliches Blut. Dazu kommen noch die Einlagerung von zweieinhalb bis drei Kilo Flüssigkeit, die Plazenta von circa einem Kilo und natürlich das Kind von etwa 2,8 bis 3,8 Kilo.
In dieser Phase kommen die meisten Schwangeren mit dem Wunsch nach Hilfe und Unterstützung. Denn es zeigen sich oftmals weitere Beschwerden, zum Beispiel sammelt sich Wasser an und insbesondere Kreuzschmerzen treten auf, die oftmals bis ins Becken und in die Beine ziehen, wobei in den meisten Fällen nur eine Seite betroffen ist.
In dieser Zeit können wir schon kräftigere Techniken für den Bereich Kreuzbein und Becken anwenden. Nach meiner Erfahrung zeigt sich hier, was der Körper unter der stärker werdenden Belastung der Schwangerschaft nicht schafft, zu kompensieren. In der Seitenlage können wir Techniken anwenden, um die Seite zu dehnen sowie den Brustkorb ein wenig aufzurichten, damit sich die Atmung beruhigen und vertiefen kann. Das Becken kann gedehnt werden, und da dieses mit dem Schultergürtel in Verbindung steht, helfen diese Techniken, die Kompressionen der Körperseiten zu vermindern. Dadurch werden ebenso die iliosakralen Gelenke bewegt und gedehnt und im ganzen Kreuzbeinbereich wird quasi mehr Raum eröffnet, sodass auch der Druck auf die Nerven und die stark komprimierte Struktur nachlässt. Dadurch hören die Schmerzen im Rücken und in den Beinen auf und weiterhin hat das Baby mehr physischen und energetischen Raum nach unten in das Becken hinein.
In den letzten sechs Wochen, insbesondere in den letzten vier Wochen geht es um die Geburtsvorbereitung. Wir wissen, dass es jetzt vor allem darauf ankommt, die Energie ins Becken zu leiten, quasi dahin, wo im besten Falle das Köpfchen des Kindes auf dem Beckenboden und auf dem noch geschlossenen Muttermund bzw. Gebärmutterhals liegt. Es ist sehr wichtig, das auch zu visualisieren und die Atmung dorthin zu führen. Denn wenn das einmal gelernt und jederzeit abrufbar ist, hilft das auch sehr bei den Wehen unter der Geburt – insbesondere dann, wenn es stressige Momente geben sollte, die Frau sehr erschöpft ist oder sich die Herztöne zwischen den Wehen nicht so schön erholen usw.
In diesen letzten Wochen lege ich auch einen besonderen Wert auf den sogenannten „Kleinen Kreislauf“, den Du Mài und den Rèn Mài. Es ist sehr hilfreich diese Meridiane zu behandeln und zu öffnen, damit sich der Muttermund nach Beginn der Wehen zügig öffnet und die Verbindung des Kindes über die Blasen- und Nierenenergie sich gut in das Becken absenkt. Der Du Mài und der Rèn Mài sind übrigens auch die ersten Meridiane, die sich im Baby entwickeln, nämlich schon in den ersten Schwangerschaftswochen.

Des Weiteren spielt der Chong Mài eine herausragende Rolle in der Behandlung von Schwangeren. Insbesondere die innere Aufmerksamkeit, „das innere Sehen“ wird angeregt und Emotionen können integriert werden. Eine tiefe innere Entspannung, ein sich zurückziehen und sich einlassen auf das, was da ist. Fast alle Schwangeren fühlen sich dadurch sehr viel leichter und gleichzeitig sinkt der Bauch entspannt um einige Zentimeter nach unten. So entsteht eine immense Zuversicht in Hinsicht auf die Geburt, eine erwartungsvolle Stimmung und freudige Erregung.

 

TIPPS, ERNÄHRUNG UND EMPATHIE

Shiatsu in der Schwangerschaft bedeutet für mich auch, viele praktische Tipps zu geben bezüglich Alltag und Ernährung. Hier nehme ich insbesondere all meine gewonnenen Erkenntnisse aus dem Ayurveda zur Hilfe, um für jede Schwangere individuelle Hinweise geben zu können. Nicht nur Alltagsgestaltung und Ernährung, auch Übungen und Entspannungstechniken variieren ja nach Konstitution und Dauer der Schwangerschaft.
Des Weiteren gehört für mich dazu, genau hinzuhören, was die Frauen wirklich bewegt und liebevoll anzusprechen, was noch im Wege sein könnte. Denn gerade in der Schwangerschaft können alte Ängste und Traumata das eigene Bindungsmuster und damit das Erleben von Nähe beeinflussen. Dies in der Shiatsubehandlung zu berücksichtigen, ist sehr wertvoll.

Autorin: Cora Ameer ist Ethnologin und Heilpraktikerin und arbeitet als Therapeutin für Shiatsu, Shônishin, Ayurveda und Trauma. Ihre Praxisschwerpunkte sind: Arbeit mit Schwangeren und Säuglingen, Bindungsarbeit und Traumatherapie, insbesondere bei Entwicklungstraumata. www.cora-shiatsu.de


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