Shiatsu – eine Therapie oder doch nicht?

In Deutschland gibt es strenge Gesetze. Sie sind nicht immer sinnvoll, keine Frage, aber es gibt sie und wir müssen damit leben. Eines dieser strengen Gesetze regelt die Frage, wer Heilarbeit betreiben darf und wer nicht. Sinngemäß heißt es da, nur Ärzte und Heilpraktiker dürfen therapieren. Das schiebt uns Shiatsupraktiker mitten rein in das Zentrum einer Zwickmühle.

Die Heilpraktiker und Ärzte unter uns sind fein raus. Die müssen sich keine weiteren Gedanken machen. Alle anderen schiffen seit Jahrzehnten herum und suchen nach guten Wegen und Definitionen für Shiatsu. Was dabei rauskommt ist mehr als wischi-waschi. Und wir müssen uns mit so sperrigen Begriffen wie Shiatsupraktiker oder Körperarbeiter anfreunden. Schnell landet man im Bereich Wellness, und keiner würde behaupten, es ginge nicht um Wellness im eigentlichen Sinne. Aber Wellness wiederum wird oft gleichgesetzt mit verwöhnen und konsumieren. Passt auch nur bedingt. Shiatsu ist konkret und kann mehr als das. Shiatsu ist Heilarbeit im ganzheitlichen Sinne. Es bringt den Menschen in Balance und triggert die Selbstheilungskräfte. Ohh… ein weiterer dieser gern benutzten Begriffe aus der alternativen Heilszene. Aber was soll’s, es ist eine Tatsache. Der Mensch heilt sich immer (!) selbst. Hast du dich verletzt, musst du nur warten und es heilt wieder. Eine Erkältung geht von alleine weg. Ein gebrochener Knochen repariert sich selbst. Warum wir dennoch scheinbar unheilbare Krankheiten haben in unserer heutigen Welt, bleibt ein großes Thema. Da bleiben viele Fragen offen. Vielleicht gelingt es nur nicht, die Selbstheilung zuzulassen. Ist zumindest eine Möglichkeit. Aber es ist sehr wage und mühsam, dies in so allgemeiner Form zu betrachten.

Es gibt sie, die Selbstheilungs- oder Selbstregulierungskräfte. Und wir können sie stärken, in dem wir eine gute Lebensführung haben, einen achtsamen Umgang mit uns und unseren Bedürfnissen pflegen, uns materiell und energetisch reinigen, Konflikte lösen, Prozesse zulassen und uns von begrenzenden Faktoren wie Angst und Negativität befreien oder ihnen zumindest begegnen. Dazu gibt es unendlich viele Ratschläge und Übungen. Und wenn wir hängen und nicht weiterkommen, können wir uns Hilfe holen.

Shiatsu macht genau das. Es reinigt, es sensibilisiert und weckt auf. Es unterstützt die körper- und geisteigenen Kräfte, sich in die Richtung zu bewegen, die nötig sind für eine stabile Gesundheit und eine gute Entwicklung. Sollte man da wirklich von Therapie reden? Es wäre sicher der einfachere Weg. Aber Therapie impliziert dem Empfangenden auch Passivität. Die Grundhaltung der meisten Therapiesuchenden dürfte folgende sein: Da ist was nicht in Ordnung. Daher gehe ich zum Therapeuten, der das dann wieder in Ordnung bringt.

Das Gegenteil ist der Fall beim Shiatsu. Für den Fall, dass da wirklich etwas nicht in Ordnung ist, sucht der Körper seinen Weg, das wieder in Ordnung zu bringen. Der Shiatsupraktiker hilft dabei, diesen Weg zu finden. Er leuchtet sozusagen mit der Taschenlampe in einen Tunnel und sagt: Hey, schau doch mal da. Vielleicht wär das was für dich. Und wenn nicht, leuchtet er in einen anderen Tunnel. Im Optimalfall zeigt ihm der Klient sogar den Tunnel, in den er hineinleuchten soll.

Und das Schöne ist, es kann überhaupt nichts passieren. Die Macht liegt zu 100% beim Behandelten. Es wird nicht manipuliert und auch nicht invasiv gearbeitet. Der Behandelte bekommt kein Medikament und wird auch nicht gerichtet. Er wird nicht von außen wieder ganz gemacht. Die Heilung kommt von innen, über ein Loslassen von etwas, was im Weg steht und nicht mehr benötigt wird. Es ist Reinigung und Entstehenlassen von inneren Verbindungen.

Das ist Therapie und doch nicht. Auf jeden Fall ist es nicht Therapie im Sinne des Heilpraktikergesetzes (http://www.gesetze-im-internet.de/heilprg/BJNR002510939.html).

Wie wir dem einen gut passenden Namen geben können, ist meiner Ansicht nach noch nicht gelöst. Und da landen wieder beim etwas sperrigen Shiatsupraktiker.

Autor: René Fix, Leiter des Europäischen Shiatsu Instituts Heidelberg


2 Antworten

  • Hallo Rene,
    ich arbeit seit 21 Jahren hauptberuflich mit Shiatsu und empfinde das Wort „Praktiker“ in Verbindung mit Shiatsu eher als unpassend. Ich muss sofort an einen Baumarkt denken. Die Behandlungsform nennt sich Shiatsu und ich nenne mich Shiatsutherapeut. Der Begriff ist gesetzlich nicht geschützt und auch nicht irreführend. Nur in Zusammenhang mit bestimmten Therapieformen und Berufsbezeichnungen ist der Begriff „Therapie“ geschützt und das ist auch gut so. Ich finde schon das wir manipulieren und etwas herbeiführen und entstehen lassen worüber der Klient ersteinmal keine Kontrolle hat und der Reaktion auch ersteinmal „ausgeliefert“ ist. Soviel Verantwortung sollten wir schon übernehmen, nicht alles ist nur Selbstheilungskraft. Auch ich bin kein Heilpraktiker, bin aber in meiner Berufshaftpflicht als Shiatsutherapeut versichert. Das Gesundheitsamt hat mich überprüft und lässt mich bis jetzt anscheinen gewähren. Die Diskussion ist so alt wie es Shiatsu auf dem Deutschem Mark gibt und aus der Nummer kommen wir letzendlich erst dann wieder raus bis es eine grundlegende Änderung dieses Reichsgesetztes aus der Nazizeit gibt. Bis dahin sind wir der Willkür der Gesundheitämter ausgeliefert und es ist hier meiner Meinung nichts zu beschönigen. Bleiben wir weiterhin mutig und uns selber treu, ob als Therapeuten/innen oder Praktiker/innen.
    Liebe Grüße
    Makus

    • Rene sagt:

      Lieber Markus,
      danke für Deinen Kommentar. Ich finde es gut, wenn Shiatsupraktiker, die sich als Therapeuten verstehen, sich auch Therapeuten nennen. Heilpraktiker haben jedoch auch den Praktiker im Titel und sind meist Therapeuten. An den Begriff hat man sich wohl schon gewöhnt. Es gibt viele Wege. So auch mit dem Shiatsu selbst.
      Man kann sehr manipulativ arbeiten und Neues anstoßen oder sich auf der anderen Seite auch auf die Förderung des Prozesses, der schon ansteht oder gar läuft, konzentrieren. Die Bandbreite ist groß. Man landet schnell bei der Frage, wo geht Interaktion in Manipulation über. Kann ich überhaupt mit jemandem interagieren, ohne zu manipulieren? Schon ein einfaches Gespräch, ein „falsches“ oder „richtiges“ Wort im Alltag kann bei meinem Gegenüber Prozesse auslösen, die folgenreich sind. In diesem Sinne gibt es kein *nebenwirkungsfrei*. Alles hat Wirkung. Die Frage ist eher, ob wir eine Absicht haben oder gar ein Versprechen geben. Und da macht dieses abstruse Gesetz vielleicht Sinn, denn Heilsversprechen gehören nicht in die Welt des Shiatsu.
      Doch schade ist wirklich, dass Shiatsutherapeuten, die erfolgreich Menschen helfen, ein gesundes und glückliches Leben zu leben, aufpassen müssen, dass sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen oder gar von einem Anwalt abgemahnt werden und teuer bezahlen müssen – und der Arzt, der vielleicht leichtfertig mit Nocebo manipuliert und oft Schlimmes anrichtet, passt ins System.
      Schöne Grüße
      Rene

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