Shiatsu – eine deutsche Nichttherapie

Ist Yoga indisch, wenn es in Belgien praktiziert wird? Ist Tango argentinisch, wenn er in Norwegen getanzt wird? Und wie sieht es eigentlich mit Pizza und Pasta aus, die wir in Frankreich essen?

Osteopathie hat den Sprung geschafft. Keiner spricht von einer amerikanischen Therapieform. Und ich möchte wetten, dass man beim Homöopathen in Chile nicht von einer deutschen Heilweise spricht.

Shiatsu kommt immer noch äußerst japanisch daher. Da wird „traditionell“ am Boden behandelt und man berührt Energiebahnen und Felder. Viele Behandlungsräume sind mit japanischen Accessoires ausgekleidet und der Klient wird auf Werbeflyern mit fremden Schriftzeichen und Zen-Zitaten neugierig gemacht. Shiatsu ist japanisch. Logisch.

Aber was heißt das?

Zen-Shiatsu

Jetzt erstmal ganz formell:

„Zen-Shiatsu ist eine energetische Behandlungsmethode aus Japan mit dem Ziel, bei der/dem Behandelten die Selbstregulierungs- und Heilungskräfte zu fördern und ein Bewusstsein für die eigenen Ressourcen zu schaffen. Die Behandlung findet durch Berührung statt.“

Das könnte vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner, der unzähligen Shiatsustile, die sich in den letzten dreißig Jahren herausgebildet haben, sein.

Japanisch daran ist vor allem, dass es in Japan entwickelt wurde und einen sehr starken Bezug zum Zen Buddhismus hat. Die ursprünglichen Wurzeln des Shiatsu kann man vielleicht sogar in China finden, doch das ist eine lange Geschichte…

Jetzt kann man sich fragen, wie japanisch die grundlegenden Konzepte wirklich sind. Alle Menschen sind vom Grunde her gleich und wir alle werden bewegt und belebt durch und mit Energie. Alle energetischen Systeme dieser Welt funktionieren nach den gleichen Prinzipien und bewegen sich auf die selbe Weise zwischen den relevanten Polaritäten. Kein Ort dieser Welt hat mehr Anrecht auf Energie, Meridiane oder Chakras als andere. Auch im Westen wurde schon immer mit Berührung geheilt und mit Meditation Gelassenheit und Achtsamkeit kultiviert.

Wir im Westen sind vor allem seit den 70er Jahren zunehmend fasziniert von dem Reichtum östlicher Kultur und Weisheit. Und genau das trifft den kritischen Punkt. Wir sind unzufrieden mit uns und wollen uns therapieren mit der östlichen Weisheit, um endlich zu gesunden und zufrieden zu sein. Yoga hat eine beachtliche Erfolgsgeschichte geschrieben in den letzten Jahrzehnten und den Raum geöffnet für unendliche Freuden, für Heilung und nicht zu letzt für leidvolle Projektion. Yoga wird zum Segensbringer hochstilisiert und viele verzweifeln daran, sich mit Hilfe von Yoga verändern zu wollen, um endlich schön und gesund, erfolgreich und glücklich zu sein. Und Yoga ist deutsch geworden und französisch, chinesisch und vor allem amerikanisch.

Shiatsu als Nichttherapie

Shiatsu ist keine Therapie. Sie hat nicht das Ziel und die Absicht, konkret Veränderung zu erwirken, sondern zu stärken und zu klären, was da ist und im Verborgenen liegt. Sie hilft, zu reinigen und Bewusstsein dafür zu schaffen, wer man ist und was man braucht. Sie unterstützt den Behandelten darin, sich selbst zu lieben und seinen individuellen Weg zu gehen, der schließlich immer auch in die Veränderung führen wird.

Keiner ist normal und demzufolge gibt es auch keine Norm. Und genau genommen will das auch niemand. Wir reden uns allerdings schnell ein, dass wir normal sein müssten, um gute und gesunde Teile dieser Gesellschaft zu sein. Aber in Wirklichkeit sind wir alle anders, jeder auf seine Weise und das macht den ganzen Spaß und die Bewegung hier in diesem Leben aus.

Was passiert nun, wenn wir therapieren? Mit einer Therapie werden Krankheiten behandelt. Es gibt in aller Regel eine Diagnose und ein konkretes ein Behandlungskonzept. Ziel ist es, die körperliche oder psychische Funktion wieder herzustellen, Symptome zu lindern oder zu beseitigen und Heilung zu erreichen. Die Norm spielt hier eine große Rolle. Wir gleichen an der Norm ab, was krank und was gesund ist. Und die Norm verändert sich im Laufe der Jahrzehnte.

So wird vielleicht ein Junge mit ADHS diagnostiziert, weil sein Verhalten heute stark aus der Norm rutscht. Mit einer Therapie soll der „richtige“ Zustand wieder hergestellt werden.

Oder jemand lässt sich sein Rückenschmerzen „wegtherapieren“ ohne das zu Grunde liegende Muster zu beachten. Oft tauchen die Schmerzen an anderer Stelle wieder auf. Der Sinn der Rückenschmerzen, der vielleicht darin lag, langsamer und besonnener zu leben, wurde nicht beachtet. Es schien wichtiger, den gesellschaftlichen Pflichten und Normen zu entsprechen.

Dies sind nur zwei kleine willkürliche und extrem vereinfachte, plakative Beispiele. Doch wenn wir beginnen, so zu denken, wird schnell klar, dass wir uns auf dünnes Eis begeben, wenn wir therapieren. Wir können Veränderungen erwirken, deren Folgen nicht absehbar sind.

Was bringt all die Veränderung, wenn wir dadurch vielleicht Anteile von uns ignorieren oder unterdrücken? Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Ich bezeichne Shiatsu hier als Nichttherapie, weil es genau das nicht tut: Therapieren im klassischen Sinne.

An dieser Stelle ist es durchaus angebracht, einen kleinen Ausflug nach Asien zu machen. Im Taoismus, der alten chinesischen Religion und Lebensphilosophie, gibt es die Idee des Nicht-tuns „Wu wei“. Kurz zusammengefasst, und eigentlich kann man so etwas nicht kurz zusammenfassen, bezeichnet das das Handeln durch Nicht-tun. Man tut, ohne zu wollen, ohne Ziel und konkrete Absicht. So wie man manchmal Dinge findet ohne sie zu suchen.

Mit Shiatsu können wir heilen durch Nichttherapieren. Und damit stellt Shiatsu einiges auf den Kopf. Es lässt uns verrückt sein, verrückt sein von der Norm. Es lässt uns die Normalität verlassen und individuell sein. Wir erreichen unser viel herbeigesehntes Glück und unsere Gesundheit nur, wenn wir unser uns eigenes Wesen, mit all seinen Ausprägungen akzeptieren und sich entfalten lassen. All der Druck, der auf uns lastet kann sich auflösen und den Weg bereiten in ein neues Empfinden, ein neues Körpergefühl und neue Möglichkeiten, wenn wir akzeptieren, wer wir sind und wo wir stehen.

Shiatsu setzt genau hier an und geht damit in Kontakt, ohne zu wollen und zu therapieren. Der Weg mit Shiatsu ist tief aber sanft und äußerst kraftvoll.

Shiatsu wird von Menschen ausgeübt, die in jahrelangem Unterricht Praxis, Theorie und Techniken gelernt haben. Und sie haben trainiert, ihre innere Haltung mit Achtsamkeit und Gelassenheit zu schulen, um nicht zu therapieren im klassischen Sinne, sondern den Klienten auf seinem Weg zu unterstützen, zu führen und zu begleiten, um ihm die volle Macht für sein Leben zu gestatten.

Der Ursprung dieser Methode liegt in Japan, doch die Menschen, die Shiatsu ausüben und unterrichten sind Deutsche, Engländer, Franzosen, Schweizer. Menschen aus vielen, vielen Ländern. Shiatsu in Deutschland ist damit irgendwie deutsch. Und es ist eines der größte Geschenke, welches uns die Japaner machen konnten.

Autor: René Fix, Leiter des Europäischen Shiatsu Instituts Heidelberg


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