MERIDIANE – KEIN RÄTSEL – TEIL 4

Ein weiterer Artikel über Meridiane hat den Weg zu myShiatsuonline gefunden und wird in die Serie „Meridiane – kein Rätsel“ aufgenommen. Dieser Beitrag ist von Dieter Lehner aus Wien und befasst sich sehr ausführlich, kritisch, forschend und mit einer wunderbaren Leichtigkeit mit diesem Thema. Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Meridiane begreifen, welches noch in diesem Jahr erscheinen wird.

Weitere Artikel dieser Serie sind  Was sind Meridiane? von Wilfried Rappenecker, Was sind Meridiane? von Mike Mandl, Was sind Meridiane 
und warum sind sie ein nützliches Werkzeug im Shiatsu? von Gabriella Poli und  Meridiane hat doch jeder von René Fix.

 

Meridiane begreifen

von Dieter Lehner

 

Eine der wesentlichsten Frage in der Praxis war für mich schon seit langem: „Sind den die Meridiane wirklich immer dort, wo sie auf den Karten verzeichnet sind?“ Vor allem auch deshalb, da es recht unterschiedliche Verläufe gibt.

Im Vordergrund stand für mich natürlich immer das Begreifen. Die Recherchen und Überlegungen zu diesem Thema, haben mir selbst viel Klarheit und Verständnis für die Meridiane gebracht. Es ist doch ein gewaltiger Unterschied, ob man von jemand anderem etwas annimmt, oder es anderen erklären will und sich dadurch fundiert mit dem Thema auseinandersetzt. Dabei war ich gezwungen alles zu hinterfragen und selbst auszuprobieren, denn ich kann nur von dem überzeugt sein, was ich selbst begriffen habe. Ich war ja in meiner Shiatsu-Karriere auch mit Sätzen: „Das ist halt so.“, oder „Das haben wir schon immer so gemacht.“ nicht glücklich. Es liegt nun mal so gar nicht in meiner Natur, die Dinge einfach zu akzeptieren, nur weil es irgendwer behauptet oder aufgeschrieben hat. Dann schon lieber selber erfahren und nachprüfen, nachdenken und ausprobieren – nicht nur Googeln. Und auch die Wikipedia ist nicht gerade die zuverlässigste Quelle. Darum nicht nur lesen, sondern sofort ausprobieren.

Nachdem es jede Menge theoretischer Werke mit ziemlich abstrakten Darstellungen der Meridiane gibt, fehlte mir ein Buch aus der Praxis, für die Praxis. Es sollte Meridiane so darstellen und beschreiben, dass man wirklich eine Vorstellung von ihnen hat und auch damit arbeiten kann. Meridiane sind Bestandteile lebender Organismen, die sich anpassen und verändern. Sie passen sich an und verändern bei Bedarf Zustand und manchmal auch ihren Verlauf. Wenn wir also mit Klienten arbeiten, ist es sinnvoll, wenn wir in der Lage sind, den Meridianen zu folgen – auch wenn sie nicht dort zu finden sind, wo sie in den herkömmlichen Karten vermutet werden. Die Frage ist dann „Wo sind sie hingekommen?“ und „Warum haben sie den Verlauf geändert?“.

 

Die Meridiane sind wie Bäche in der Landschaft

und genau wie Bäche bewegen sie sich in und auf unserem Körper. Sie nutzen die Gewebe und Strukturen, suchen sich ihren Weg, umgehen Hindernisse und weichen vor ihnen liegenden Schwierigkeiten aus. Sie versuchen dabei, die ihnen gestellten Aufgaben so gut wie möglich zu erfüllen und all jene Bereiche mit Ki zu versorgen, die ihrem Funktionskreis zugeordnet sind.

Zwar mögen die Meridiane mit großer Wahrscheinlichkeit dort sein, wo sie auf den gebräuchlichen Karten abgebildet sind, aber nicht immer. Und wenn sie nicht dort sind, wo sind sie dann? Und was mache ich dann? Und warum sind sie dort, wo sie eben sind? Soll ich es einfach ignorieren, oder erst besser gar nicht bemerken? Oder traue ich meiner Wahrnehmung, meiner Intuition und folge den erspürten Verläufen? Ich denke schon, dass man sich besser den tatsächlichen Gegebenheiten, also den gefühlten Verläufen, anpassen sollte. Sonst geht es einem, wie dem Autofahrer, der sich blind auf sein Navi verlässt und mit dem Auto im Fluss oder auf der Fußgängertreppe (sehr zum Gaudium der Anrainer) landet.

Also die Meridiane dort abholen, wo sie sich tatsächlich befinden und ihnen dann auf ihrem Weg folgen. Ihre Lage entspricht der momentanen Situation und den Bedürfnissen des Menschen, mit dem ich gerade arbeite. Nur durch meine eigene Wahrnehmung kann ich sicher sein, den Meridian genau dort zu berühren, wo er gerade verläuft. Und genau so, wie er es braucht. Dazu finde ich den Zen-Buddhistischen Satz „Ich bin jetzt hier!“ sehr treffend. Er zeigt, dass ich mich ganz mit dem beschäftige, was gerade vor meiner Nase geschieht. Nicht halb in einem Buch vergraben oder auf einer Karte nachrecherchierend, sondern ganz im Hier und Jetzt. Ich bin eben ein Fan von Monotasking.

 

Verändern sich die Verläufe wirklich?

Bei der Frage, ob sich nun die Verläufe der Meridiane verändern, oder nicht, gibt es natürlich immer wieder Meinungsverschiedenheiten zwischen den Shiatsu-Kolleginnen. Ich finde das sehr befruchtend für die Entwicklung von Shiatsu, wenn man diskutiert und die eigenen Erfahrungen mit anderen teilt. Dabei ergeben sich oft deutliche Unterschiede in den Ansätzen oder auch in der Herangehensweise. Der eine will Meridiane nach unseren wissenschaftlichen Prämissen beurteilen, der andere folgt eher dem Asiatischen Verständnis, anerkennend zu bewundern und damit zufrieden zu sein, dass etwas wirkt und damit auch sein darf. Auch dann, wenn wir, nach westlich, wissenschaftlichen Maßstäben, nicht erklären können warum und wie. Und damit gibt es natürlich auch keine Doppelblindstudie über die Wirkung von Shiatsu. Aber was soll’s? Denn wenn es zum Wohle der Klienten ist sollte man auf jeden Fall den Wahlspruch „Never change a running system!“ gelten lassen. Also lassen wir es doch, wenn es funktioniert und analysieren wir nicht alles zu Tode, nur um es um jeden Preis mit „objektiven“ Messungen zu bestätigen und die Anerkennung eines deutlich jüngeren und oft recht fragwürdigen Systems zu bekommen. Viel schöner finde ich die Vorstellung, dass wir miteinander einen Weg finden den Menschen gesünder und glücklicher zu machen oder zu erhalten. Manchmal reicht es auch die Dinge wahrzunehmen und sie zu begreifen, wie sie sind. Wir haben mit unserem heutigen Wissensstand sicher nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Damit ist klar, dass wir keine Ahnung haben, wie sich unser Weltbild morgen gestalten wird. Welche Erkenntnisse dann unsere Sicht der Dinge auf den Kopf stellen, denken wir nur an die Quantenphysik. Das hat vorher auch kaum jemand für möglich gehalten. Gerade neulich habe ich einen ganz interessanten Beitrag im Radio gehört, wo es um die Wertung fremder Kulturen in unserer wissenschaftlichen Gesellschaft ging. Dabei wurde ganz deutlich gezeigt, dass man erst in letzter Zeit begonnen hat, andere Sichtweisen, die in sich schlüssig sind, nicht unbedingt nach den Prämissen der westlichen Welt zu beurteilen, sondern versuchen sollten sie in ihrem eigenen Umfeld zu betrachten. Tun wir das doch auch mit den Meridianen!

 

Ich versuche, meine Filter so weit wie möglich auszuschalten, um nicht in die Das-kenne-ich-schon-Falle zu tappen.

 

Ost und West haben sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Sind die beiden Systeme überhaupt kompatibel und können wir Erkenntnisse aus Japan übernehmen? Ganz klar ist unser Leben von anderen Vorstellungen und Glaubenssystemen geprägt, als jenes der Japaner. Oft hab ich gehört, das gibt’s nicht, oder das geht nicht, oder auch das gehört sich nicht. Vielleicht versuchen wir mal ganz einfach die ganzen Annahmen, Vorurteile, Tabus, angelernten Ansichten und Moralvorstellungen zu vergessen und nähern uns dem Thema mit Anfängergeist, so als begegneten wir ihm zum ersten Mal in unserem Leben. Große Augen, offener Mund und großes Erstaunen vor dieser Wunderwelt. So spannend kann Wahrnehmung sein. So wie ich es auch in meiner Shiatsu Ausbildung noch gehört habe, die Sache mit dem „Wei Wu Wei“ (Tun im nichts tun). Oft wird es auch als absichtsloses Tun übersetzt. Also versuche ich meine Filter so weit wie möglich auszuschalten und jede Behandlung mit neuen Augen zu betrachten, damit ich nicht in die „Das kenne ich schon“ Falle tappe.

 

Ohne Wertung die Probleme und Anliegen der Klienten anhören und behandeln. Ohne eingelerntem Wissen die Meridiane suchen und ihre Energie wahrnehmen, wo auch immer sie verlaufen, wie auch immer sie sich anspüren. Ohne eigene Erfahrungen und Annahmen auf den Klienten zu projizieren. Das wäre doch einen Versuch wert. Wollen wir doch sehen wohin uns das führt. Und vielleicht, zu unserem großen Erstaunen, fühlen wir uns richtig gut, wo wir dann sind. Na wie wär‘s? Bereit für ein Abenteuer?

Lassen wir uns darauf ein und betrachten die Meridiane so, als wären sie ganz neu und so, als hätten wir keine Ahnung wo sie uns hinführen werden (die wir in Wahrheit tatsächlich nicht haben). Lösen wir uns von den gelernten Vorgaben und öffnen den Geist bis zum Horizont. In großen Räumen können große Dinge entstehen.

 

Immer auf der Suche nach unterstützender Literatur für die Arbeit mit Meridianen fand ich entweder sehr theoretische oder medizinische oder Akupunktur-technische Bücher und Unterlagen. Ich wollte aber wissen, wie ich mit Meridianen am besten arbeiten kann. Wie erreiche ich sie am besten während einer Shiatsu-Behandlung? Ist ihr Verlauf sicher bei allen Menschen gleich – und warum ist das so? Und wenn es nicht so ist, wo sind sie dann und warum? Wie spürt sich ein Meridian an und warum? Nimmt man verschieden Meridiane unterschiedlich wahr und warum? Fühlen sich die Meridiane eines Funktionskreises bei verschiedenen Klienten gleich an und warum, oder tun sie‘s nicht und warum nicht? Gibt es auch andere Unterscheidungsmöglichkeiten als kyo und jitsu …? Kann man verschieden Meridiane, nur durch Berühren erkennen oder lassen sie sich nicht unterscheiden …? Nehmen sie bei Ein und der Selben Person immer den gleichen Verlauf …? Oder verändert er sich? Und wenn ja, warum und wie? Wie reagieren Meridiane auf Disharmonie, Erkrankung, Verletzungen, Narben, anatomische Anomalien und ähnliches? Und natürlich immer und immer wieder warum? Fast fühlte ich mich wie ein kleines Kind, dass auf jede Antwort der Erwachsenen mit warum antwortet. Aber es ist auch so unendlich spannend, dieses warum! Das hat auch nichts mit der Messbarkeit zu tun, die ich weiter oben angesprochen habe. „Warum?“ bedarf einer Erklärung und bedarf des Verständnisses, keiner Messung. Und diese Erklärung sollte für einen Shiatsu-Praktiker natürlich Praxisgerecht sein.

Die Fragen beschäftigten mich jahrelang und oft fühlte ich mich verunsichert, denn es gab sehr wenig Antworten darauf. Viel öfter traf ich auf die gleiche Ratlosigkeit, die ich empfand, auch wenn sie meist besser kaschiert war und nicht als so belastend empfunden wurde.

Warum es sich schwer machen? Ja weil es eben doch nicht so einfach ist, auch dann nicht, wenn ich versuche, die Probleme zu ignorieren. Und wenn doch vielleicht einfacher? Befriedigend? Keineswegs! Also zurück zu den Zweifeln und Fragen und tiefer graben. Erst nachlesen, dann ausprobieren, dann nachspüren. Und natürlich gründlich nachdenken und recherchieren. Wie geht es den anderen Kolleginnen? Wie gehen sie damit um? Was spüren die denn? Spür ich das auch? Wo sind die Schnittstellen?

 

Durch ein ganz bestimmtes Erlebnis wurde mir bewusst, was mich oft bei den Behandlungen irritiert hat, ohne mir darüber im Klaren zu sein, was es genau war. 

Folgendes hat sich zugetragen: Als ich bereits Workshops zum Thema Masunaga-Meridiane abgehalten habe, passierte es, dass ich bei der Präsentation des Dünndarm-Meridians deutlich neben dem kartographiertem Verlauf war und von einem Teilnehmer darauf hingewiesen wurde (Danke Jo), dass mein Verlauf nicht mit der Karte übereinstimmt, sondern eher dem des Herzkonstriktors entspricht. Aber eben nicht genau.

Das brachte mich dazu, mir die Frage zu stellen, warum ich so sicher war, dass ich gerade den Dünndarmmeridian behandelte, obwohl er nicht dort war, wo er „sein sollte“. Erst da wurde mir klar, dass sich jeder Meridian ganz typisch anspürt, also dass sie sich deutlich voneinander unterscheiden. Dieses Erlebnis hat mir auch gezeigt, dass sie eben nicht immer dort verlaufen, wo sie „sollten“. Ich war mir einfach ganz sicher, dass ich den Dünndarmmeridian behandelte, ohne bewusst auf seinen Verlauf zu achten. Eine ganz neue Art und Weise, Meridiane zu behandeln, tat sich auf. Spüren welcher Meridian wo verläuft. Seinen Charakter erfassen und seine Bedürfnisse zu erkennen. Für mich war das sensationell und es war überhaupt keine Frage, dass das die Art der Behandlung war, die ich so verzweifelt gesucht hatte.

Mit dieser Erkenntnis konnte ich mir auch erklären, warum ich mich bei manchen Behandlungen gar nicht wohl gefühlt habe und das Resultat recht unbefriedigend fand. Offensichtlich behandelte ich nicht den realen Verlauf des Meridians, weil ich exakt dem Kartenverlauf gefolgt bin, den ich ja ganz genau gelernt habe, in der festen Überzeugung, dass genau dort die Meridiane zu finden sind. Irgendwie spürte ich aber, dass es nicht richtig war, auch wenn ich es mir nicht erklären konnte. Intuitiv war es ganz klar, nur intellektuell nicht. Und dann diese Erkenntnis. Plötzlich war es so, als würden alle Puzzel-Teile auf den richtigen Platz rutschen und das Bild endlich Sinn ergeben. Es war so klar und einleuchtend. Alles stimmte zusammen. Organisch gewachsene Meridiane mit organisch gewachsenen Verläufen. Seither folge ich beim Behandeln den Meridianen dorthin, wo ich sie wahrnehme und denke gar nicht lange über den gelernten Verlauf nach. Shiatsu kann ja so einfach sein, wenn man akzeptiert, dass die Bücher auch nicht die unumstößliche Wahrheit verkünden. Vor allem dann nicht, wenn diese nichts mit der  Wirklichkeit zu tun hat. Jetzt brauchen wir nur noch unserer Wahrnehmung zu vertrauen und sie ausdauernd trainieren. Natürlich ist die Kenntnis über den Verlauf der japanischen Meridiane Voraussetzung und Hilfe bei der Arbeit. Wir sollten schon erst mal das Handwerk beherrschen, bevor wir kreativ werden können. Wie man auch beim Autofahren erst vieles lernen muss, bis es einem in Fleisch und Blut übergeht, damit man es dann wieder vergessen kann und einfach fährt.

Dann stellte ich mir natürlich die Fragen: „Ist das, was wir wahrnehmen, nur Einbildung, ist es wiederholbar und gibt es Orientierungshilfen?“ „Wo beginne ich und von wo gehe ich aus? Mache ich es richtig – und bin ich richtig, wo ich bin?“

Diese und ähnliche Fragen wurden während meiner Shiatsu Ausbildung oft mit der Bemerkung abgetan: „Sieh doch auf der Karte nach!“ oder, was auch nicht wirklich hilfreich war: „Lern erst mal den richtigen Verlauf, später kannst Du ja tun was Du willst!“. Somit gab es immer die Unterscheidung zwischen dem, was in den Büchern steht und dem, was ich wahrgenommen habe. Dem, was ich zu lernen hatte und dem, was war. Aber was ist der richtige Verlauf? Scheinbar der, der bei der Prüfung abgefragt wird. Oder doch nicht? Der, der auf der Karte abgebildet ist oder der, den ich wahrnehme? Ist die Karte eher ein Teil des Problems oder der Lösung? Sie zeigt immer in sehr seltsamen Haltungen stehende Personen (zumindest nehme ich an, es sollten Personen sein), auf denen Meridiane abgebildet sind. Bei manchen Karten sind die Linien dicker als ein Daumen und laufen am Arm fast ineinander. In der Praxis behandle ich aber keine stehenden Klientinnen, die sich widerstandslos in jede beliebige Position verbiegen lassen. Auch lassen sie sich nicht in vorgegebene Behandlungsschablonen pressen, die erst mal mit Zirkel und Winkelmesser bestimmt werden müssen. Und erst recht nicht, beim Praktikum in der Altentagesheimstätte, wo der Leiter plötzlich Kreativität und Flexibilität von uns forderte.

 

In der Schule ging es immer nur darum, Meridianverläufe zu lernen, nach anatomischen Maßstäben oder in Bezug zu anderen Meridianen. Erst die Meridiane der Akupunktur und dann die nach Masunaga, die sich im Verlauf auch schon deutlich unterscheiden. Auch hier gab es keine Erklärung, wie es denn zu diesen Unterschieden kommen kann. Dann ging es um Behandlungshaltungen, Arm- und Beinpositionen und um Standards. Aber worum geht es in der Praxis und worum geht es den Klientinnen. Wohl kaum um Standards.

Und dann Überraschung!

Auf der Matte sehen die Dinge ganz anders aus. Sowohl die Position der Praktikerinnen, als auch die der Klientinnen, sind anders. Noch schwieriger wird es einem Meridian zu folgen, wenn die Klientin die Hand oder den Arm dreht, oder die „übliche“ Position nicht einnehmen kann. Also wie finde ich die Meridiane dann? Liegen alle Meridiane nahe der Oberfläche auf der Haut, oder tiefer? Befinden sie sich mehr in der Muskulatur? Oder verlaufen sie gar entlang der Knochen? Wie verlaufen sie bei schwer übergewichtigen, wie bei extrem dünnen Menschen? Und in welcher Position lässt sich der Meridian genau bei diesem Klienten optimal behandeln (kennt der Meridian das gleiche Buch, die gleiche Karte wie ich?)?

Nie ein Hinweis darauf, wie sie sich anspüren, welche Qualität sie haben, geschweigeden, ob sie manchmal abbiegen und wie ich sie dann finden kann. Was geschieht mit den Meridianen, wenn sie ihren Verlauf ändern oder gar durchtrennt werden? Auch meine Anfrage, ob denn die Meridiane immer dort sind, wo wir sie gelernt haben und warum sie in manchen Büchern anders verlaufen blieb unbeantwortet oder wurde mit dem Hinweis auf die Schulmeinung und darauf, was ich für die Prüfung wissen sollte abgetan. Auch fragte ich mich, ob ich denn der einzige bin, den das verwirrt und der gerne Klarheit darüber hätte, denn auch viele meiner Mitschülerinnen schien das nicht weiter zu stören, oder doch? Jedenfalls sagten sie es einfach nicht?

Nach vielen Gesprächen und oftmaligem Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Jahre später zeigte sich, dass diese Unsicherheit in Shiatsu-Schüler- und Shiatsu-Praktiker-Kreisen sehr verbreitet ist und ich nicht der einzige bin, der sich mit diesen Fragen auseinandersetzt. Also fand ich es hoch an der Zeit, stimmigere Beschreibungen und Erklärungen zu veröffentlichen. Das war wahrscheinlich der größte Ansporn für mich das Projekt „Meridianbuch“ zu beginnen und durchzuhalten bis jetzt. Fast sieben Jahre später ist es soweit fertig geworden ist, dass ich es mit gutem Gewissen präsentieren kann.

 

Oft war die Reaktion auf meine Fragen der Rückzug auf sicheres Terrain, also eine sehr westliche Reaktion, die eher messbaren Werten und niedergeschriebenen Resultaten, als subjektiver Wahrnehmung vertraut. Damit ist auch eine Zuwendung zu den schulmedizinisch gestützten Techniken verbunden, die mehr aus der Ecke der Physiotherapie kommen und damit als Grundlage westmedizinische Ansätze haben. Natürlich ist ein blockiertes Schultergelenk immer ein blockiertes Schultergelenk. Und natürlich lassen sich anatomische Vorgaben nicht ändern (außer operativ). Ich wollte aber dieser anfänglichen Fragestellung und vor allem der Neugier und auch der Faszination von Ki nicht ausweichen, sondern mich intensiv damit auseinandersetzen. Welche energetische Ursache hat die Blockade. Warum reagiert das Gewebe so auf den Zustand des Meridians und was verändert die Harmonisierung der Meridianenergetik. Ich wollte mich meinen Fragen stellen und auch denen meiner Schülerinnen. Wenn sich der Meridianverlauf ändert, kann er ein Schultergelenk blockieren, weil er seine Aufgabe unzureichend erfüllt, oder kann er gar die Blockade dadurch herbeiführen? Ich konnte die Klientin nicht einfach auf eine Schulterbehandlung reduzieren. Für mich war es spannender, was die betroffenen Meridiane da so machen und warum weichen sie plötzlich aus? Tun sie das weil die Schulter blockiert? Oder blockiert die Schulter, weil der Meridian ausweicht? Welches Muster steckt dahinter?

Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich ganz von der Arbeit mit Meridianen abzuwenden und ganz intuitiv zu arbeiten. Meridiane, wer braucht die schon? Kishi Akinobu ging diesen Weg mit seinem „Seiki Soho“. Aber auch hier stellt sich natürlich die Frage ist diese Art von Arbeit wiederholbar und nachvollziehbar? Oder ist es nur eine andere Form der Ki-Wahrnehmung, wie ich sie mit den Meridianen erlebe? Und natürlich ist es Unterschied, ob so ein erfahrener Praktiker wie Kishi Sensei so praktiziert, oder ein junger enthusiastischer Shiatsu-Schüler, der nach einiger Zeit des „im Trüben Fischens“ eher frustriert ist.

Vor kurzem gab es teils heftige Aufregung darüber, dass neue Untersuchungen widerlegt haben, dass Meridiane immer in denselben Bahnen verlaufen wie angenommen.
Das fand ich nun gar nicht verwunderlich. „Ja, natürlich tun sie das nicht!“ Ich finde es durchaus einleuchtend, dass natürlich gewachsene Dinge, wie Meridiane individuell verlaufen und sich und ihren Verlauf auch ändern, wenn die Notwendigkeit besteht. Natürlich könnte man jetzt einen neuen Katalog auflegen, in dem all die Verläufe kartographiert werden Aber sind das dann wirklich alle? Vor etlichen Jahren haben das die Akupunkteure auch angenommen, als die ersten Karten gezeichnet wurden. Und später dann Masunaga Shizuto. Hat er seine Karte als endgültige Fassung der Meridianverläufe gesehen? Er hat viele Fragen über den anatomisch korrekten Verlauf offengelassen, vielleicht, weil ihm durchaus klar war, dass er nur eine Momentaufnahme erfassen konnte. Und jetzt Saito Tetsuro mit seinen 5-Ebenen der Meridianverläufe. Oder Rappenecker, der auch alternative Verläufe angibt. Wie viele Möglichkeiten gibt es also? Und welche treffen wann zu? Kartographieren die Buchautoren einfach die Verläufe, die in ihrer Praxis am häufigsten auftreten? Welchen Verlauf hat also genau der Meridian gerade jetzt, den ich bei meiner Klientin behandeln will? Und sind die Verläufe bei unterschiedlichen Menschen in ähnlichen Situationen, bei ähnlichen Ki-Mustern gleich?

Vielleicht brauchen wir dann, um Shiatsu zu praktizieren, ein Messgerät, welches Auskunft gibt, wo heute der zu behandelnde Meridian verläuft. Natürlich wollte ich dieser Frage auf den Grund gehen und damit die Erkenntnisse in meine Praxis integrieren. Außerdem wollte ich auch die Frage klären, was sich besser in der Praxis erweist – den Meridian nach „Vorlage“ zu behandeln, oder erst zu spüren und dann eventuell den alternativen Verlauf zu behandeln, oder bleibt es sich gleich? Soll ich mich erst durch ein Testprozedere dem momentanen Verlauf nähern, wie etwa bei Saitos Fingertest? Oder gibt es die Möglichkeit dem Meridianen einfach im Zuge einer Behandlung zu folgen? Also noch mehr Fragen, noch mehr Unsicherheit.

 

Wie wirkt die Behandlung?

Wie wirkt denn die Behandlung, wenn ich zwar auf dem angenommenen Meridianverlauf behandle, aber nicht auf dem tatsächlichen. Wirkt die Behandlung dann? Oder wirkt sie weniger? Ich denke, das ist genau der Punkt, Behandlungen direkt auf den Meridianen wirken einfach besser, als solche daneben. Soll ich den Klienten, deren Meridian nicht dem üblichen Verlauf folgt sagen „Pech gehabt! Sie sind die Ausnahme von der Regel.“? Das erscheint mir sehr unfair und auch nicht gerade professionell. Ich möchte alle Klienten gleich gut behandeln und ich denke, dass sie darauf auch Anspruch haben. Deshalb ist es für mich keine Frage der Wahrscheinlichkeiten sondern der Wahrnehmung, wo ich den Meridian behandle. Nur so kann ich sicher sein, bestmöglich zu arbeiten. Unbedingt auf das eingehen, was tatsächlich mit dem Ki des Funktionskreises gerade passiert.

Also ausprobieren, Erfahrungen sammeln und durch Versuch und Irrtum ausschließen und Schlüsse ziehen, was nun wirklich ist. Eine Annäherung an die Meridiane durch Praxis. Mit viel Übung kann man bald ganz klar sagen „Hier ist er!“ und hier behandle ich ihn. Besser ist es also, sich nicht nur auf die Theorie zu verlassen, sondern die Menschen mit denen man arbeitet, anzugreifen und zu spüren, was tatsächlich ist – sie also zu begreifen.

Natürlich will ich auch neugierig machen auf diese Art mit Meridianen zu arbeiten und dadurch mehr über ihre Qualität und ihre Zustände zu erfahren. Ich hoffe meine Begeisterung für dieses Thema wirkt ansteckend und gibt den Anstoß, Neues auszuprobieren und das eigene Erfahrungsspektrum der Meridianarbeit zu erweitern. Dadurch setzen wir uns auch intensiver mit Ki, seinen Erscheinungsformen und Auswirkungen auseinander.

Die Meridiane verfolgen einen ganz bestimmten Zweck. Das tun sie auch weiterhin. wenn sich ihr Verlauf verändert und sie gezwungen sind, auszuweichen.

Die alternative Route wird also durch die Aufgabe des jeweiligen Meridians bestimmt. Auf dem gewählten Verlauf kann er immer noch tun, was zu tun ist.

Nicht zuletzt geht es mir vor allem um die Frage „Wie spüren Meridiane sich an?“ und „Kann man Meridiane durch bloßes Anfassen unterscheiden und identifizieren?“ Ich kann nach vielen Jahren der Praxis sagen „Ja man kann und zwar, mit etwas Übung, kann das jeder!“

 

Was wollen uns die Meridiane mitteilen?

Genau so essentiell ist natürlich die Frage „Was wollen uns die Meridiane mitteilen?“. Wie würden sie gerne berührt werden, was ist ihnen angenehm, was unangenehm und warum ist das so. Welche Wirkung hat die Behandlung und ändert sich die Wirkung einer Meridianbehandlung durch die Art der Behandlung? Diese und mehr Fragen stellen sich mir in der täglichen Praxis und ich bemühe mich Antworten zu finden, um den Bedürfnissen der Klientinnen gerecht zu werden und mit ihrer Energie in einen fruchtbaren Dialog zu treten. Für mich macht das den Unterschied zwischen einer anhaltenden Änderung von Disharmoniemustern und einer rein symptomatischen Behandlungen aus. Kurzzeitig wird diese wohl Erleichterung bringen, aber nicht die Ursachen berühren und damit nur zu einer Aussetzung oder Verschiebung der Symptome führen. Typisches Beispiel ist, wenn nach einer erfolgreichen Carcinom OP der Krebs in anderen Organen oder Geweben wieder auftaucht. Das passiert, wenn sich das grundlegende Muster nicht verändert, sondern nur das Symptom behandelt wird. Das Wesen dieser Erkrankung wurde nicht erkannt und damit seine Ursachen nicht behandelt. Das energetische Muster besteht weiter und bringt weitere Symptome hervor. So ist auch die Amputation gesunder Βrüste, weil man Angst vor Brustkrebs hat, völliger Unsinn. Der Krebs wird sich einfach einen anderen Schauplatz suchen.

Wenn ich Workshops abhalte und die Teilnehmerinnen eine Zeit lange mit diesem System arbeiten und sich darauf einlassen, können sie nach einer Weile die Meridiane wahrnehmen. Es verlangt ein bisschen Zutrauen in die eigenen Wahrnehmungen. Aber dann funktioniert es. Denn wie schon beim kleinen Prinzen bemerkt wird „Das wesentliche sehen wir nur mit dem Herzen!“. Lassen wir uns also vom Wahrnehmungsreichtum unserer Hände begeistern und sehen wir mit dem Herzen. Ihr werdet erstaunt sein, welche Vielfalt sich uns eröffnet und wie differenziert sich die Meridiane der Funktionskreise darstellen.

Energetisch gesehen sehen meine Finger besser als meine Augen (trotz Brille) und ich erkenne die Energie von Klienten immer wieder, auch wenn ich ihre Gesichter vergesse. Energetische Wahrnehmungen sind sehr einprägsam und ermöglichen es uns in einer Art und Weise mit den Klienten zu kommunizieren, die weit über die verbalen Möglichkeiten hinausgeht. Die Nuancen der Wahrnehmungen, geben ein deutliches Bild des energetischen Musters und damit vom Zustand des Klienten, mit dem wir es zu tun haben. Diese Form des Gesprächs über Möglichkeiten und Zustände der Klienten, gibt ihnen die Chance Muster nachhaltig zu verändern und so das zu erreichen, was sie sich wünschen.

Wenn ich also besser verstehe, was der Meridian, oder Funktionskreis gerade braucht, kann ich meine Behandlung eher nährend, füllend, sedierend, beruhigend oder anregend gestalten. Damit wird der Zustand, der Probleme verursacht effektiver und meist auch angenehmer behoben.

Durch intensive Beschäftigung mit der Energie der Menschen, konnte ich das Verständnis der Vorgänge soweit schulen, dass es zu einer Selbstverständlichkeit wurde, Ki wahrzunehmen und auf Veränderungen im energetischen System direkt zu reagieren. Das schließt Irrtümer natürlich nicht aus und manchmal täuscht mich auch der Filter meiner Wahrnehmung. Aber meist sind meine Klientinnen dafür recht dankbar, da es ihnen eine Form der Entwicklung ermöglicht, die weit über die bloße Abwesenheit von Krankheit hinausgeht und den Raum offen und frei macht. Im Fokus dieses Prozesses steht die Gesunderhaltung und Entwicklung auf allen Ebenen der menschlichen Existenz. Es gibt den Klienten damit die Möglichkeit ihre eigenen Muster unter neuem Blickwinkel zu betrachten und, wenn sie das wollen andere Wege zu gehen und alternative Lösungen zu finden. Im besten Fall lösen sich damit Disharmonien, das energetische System wird durchgängiger und damit besser mit Ki versorgt. Lang anhaltende Mangel- und Füllezustände können sich lösen und dadurch ein harmonische Ki-Haushalt erreicht werde. Anders ausgedrückt, wir können  gesund und glücklich sein!

Hier ist also das Resultat meiner Überlegungen zu den Fakten, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe.

 

 

Autor: Dieter Lehner, Leiter des Shiatsu-Weiterbildungsinstituts Shiatsu-Do

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