Du lernst Shiatsu und willst es zur Blüte bringen?

Eine Anleitung, wie man sich von seinen Erwartungen löst und ohne Druck in genussvolles lernen kommt.

 

Aller Anfang ist schwer.

Was für ein Satz, der uns wahrscheinlich allen mehr oder weniger durch die Köpfe geistert. Und auch wenn da etwas Wahres dran ist, begrenzt uns dieser Satz beim Erlernen und Entdecken von Neuem.

Shiatsu ist eine Kunst, ähnlich der, ein Instrument zu spielen oder tolle Möbel zu schreinern. Und oft fühlen sich die ersten Schritte nicht sehr kunstvoll an. Doch gerade diese ersten Schritte sind unglaublich wertvoll und legen den Samen für das, was sich entwickeln wird.

Wenn sich jemand auf den Weg begibt, ein guter Klavierspieler zu werden, gibt es ganz unterschiedliche Herangehensweisen, damit zu beginnen. Man kann mit einfachsten Melodien anfangen, sich ausgiebig mit Fingerübungen befassen oder einfach einen Akkord anklingen lassen. Es gibt ganze Lieder die mit einem Akkord auskommen. Es ist eine gute Idee, das Üben in gewisser Hinsicht vom Spielen zu trennen. Beim Spielen will ich frei sein, will ich Genuss spüren und mich mit den Tönen im Raum verlieren. Ganz am Anfang ist das vielleicht nur dieser eine Akkord, den ich mit Hingabe spielen kann. Wenn ich übe, will ich mit meinem Können in Entwicklung gehen. Ich übe meine Finger flüssig über die Tasten gleiten zu lassen oder Akkorde im Rhythmus zu wechseln. Auch das kann etwas sehr spielerisches haben, doch mein Fokus liegt auf dem Üben. Das neu Gelernte kann ich dann wiederum in mein Spielen integrieren.

Wir machen uns oft unnötig Druck, wenn wir erwarten, während des Spiels noch nicht integriertes Können und Wissen präsentieren zu müssen. 

 

Ich möchte Dich einladen, diese Phase des Übens von Herzen zu genießen. Nicht nur im Shiatsu oder beim Erlernen eines Instruments, sondern überall.

Lernprozesse funktionieren immer nach folgendem Prinzip in 4 Stufen:

Unbewusste Inkompetenz: Ich weiß noch nicht von dem, was ich lernen kann. Es ist mir unbekannt und somit nicht bewusst.

Bewusste Inkompetenz: Ich erkenne das, was ich lernen kann. Mir wird bewußt, dass ich es noch nicht kann und darüber nichts weiß.

Bewusste Kompetenz: Das nun Gelernte ist noch nicht integriert. Ich muss es mit Bewusstheit und Konzentration ausüben.

Unbewusste Kompetenz: Das neue Wissen und Können ist nun integriert. Ich muss nicht mehr darüber nachdenken, wie was gemacht wird. Ich habe dieses Wissen und Können gemeistert.

 

Wo auch immer Du Shiatsu lernst, ob aus einem Buch oder in einem Kurs oder einer großen Ausbildung, Du wirst kontinuierlich auf dieser Leiter der 4 Lernstufen auf- und abmarschieren.

Es ist äußerst hilfreich, sich dies bewusst zu machen.

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Nehmen wir an, Du hast an einem Wochenendkurs erstmalig Shiatsu gelernt, bist dort in verschiedene Techniken eingewiesen worden, hast Dich mit innerer Haltung und Meridianverläufen befasst und selbst erste Behandlungen gegeben und empfangen. Nun bist Du zurück in deinem Alltag und willst das neu Gelernte an Deinen Freunden üben. Du wirst Dich nun mit dem meisten Wissen und Können irgendwo zwischen bewusster Inkompetenz und bewusster Kompetenz befinden. Doch es gibt immer auch Aspekte, die schon integriert sind oder gar vor dem Kurs schon da waren.

Und jetzt müssen wir zwei Situationen unterscheiden:

A) Du willst einem Freund eine Behandlung geben

B) Du willst z.B. eine Technik üben

A: Willst Du einem Freund eine Behandlung geben, solltest Du aus Deiner unbewussten Kompetenz heraus handeln. Wenn Du das nicht tust, wird in Dir Druck und Unsicherheit entstehen.  In dieser Behandlung wird nicht explizit geübt, sondern gespielt. Du gehst mit Dir in Kontakt, gehst mit Deinem Partner in Kontakt, gehst in Berührung und lässt das Bedürfnis, das neu Gelernte „richtig“ umzusetzen, los. Wenn die Meridianverläufe noch nicht sitzen, kann es Dir egal sein. Lass Dich auf das ein, was Du spürst und es wird das in die Behandlung einfließen, was schon in Dir ist. Lass Dir Zeit und geh in echte Begegnung. Die Technik und das Wissen ist immer zweitrangig. Handelst Du aus Deiner unbewussten Kompetenz heraus, kannst Du die „weichen“ Aspekte des Shiatsu geschehen lassen. Diese Aspekte sind in jedem von uns angelegt und benötigen kein Buch und kein Skript. Wir sind Mensch. Wir können begegnen, berühren und kommunizieren. Wir können in Resonanz gehen und tun dies ständig und oft natürlich völlig unbewusst. Wenn Du dies in den Vordergrund stellst und dann Schritt für Schritt das Können und Wissen aus Beispiel B integrierst, wirst Du von Anbeginn wundervolle Behandlungen geben.

B: Willst Du z.B. eine Technik üben, mach Dir bewusst, dass es darum geht, etwas Neues zu erlernen oder neu Gelerntes zu integrieren. Du kannst an diesem Punkt nicht kompetent sein. Somit besteht auch nicht die Notwendigkeit, dies von Dir zu erwarten.

 

Es ist wichtig, dies klar an Deinen Übungspartner zu kommunizieren. Ihr trefft Euch zum Üben, um Neues zu lernen und gegebenenfalls zu integrieren. Das nimmt Dir den Druck und die Angst, Fehler zu machen.

 

Apropos Fehler.

Mache Fehler! Wenn Du Dich auf sicherem Terrain bewegst, raubst Du Dir die schönsten Lern- und Entwicklungschancen. Je mehr Fehler Du machst, umso mehr wirst Du lernen. Und es sind die Fehler, die ins Bewusstsein dringen, die Dich voran bringen. Daher ermutige Deinen Übungspartner, Dir konstruktives Feedback zu geben und Dich so zu unterstützen. Wir alle brauchen Unterstützung.

Hast Du schon einmal ein kleines Kind beim Krabbeln oder Laufen Lernen beobachtet? Da macht es nicht klick und das Können ist da. Es ist ein Prozess mit unzähligen Fehlern und viel Unterstützung der Eltern. Und irgendwann rennen die Kleinen los, mühelos und frei.

Der hier aufgezeigte Prozess bezieht sich übrigens nicht nur aufs Anfangen. Das System ist immer das Gleiche, auch wenn man schon jahrelang Shiatsu macht und tausende Behandlungen gegeben hat. Man geht auf eine Fortbildung und lernt etwas Neues. Damit geht man in den Prozess bis es sich integriert.

Um also mit Freude und Kontinuität am Ball zu bleiben, solltest Du ein ausgewogenes Verhältnis von Üben und Spiel anstreben. Triff Dich nicht nur zum Üben mit Gleichgesinnten, Mitlernenden und Freunden, sondern auch zum genussvollen Shiatsu geben (und nehmen) – ohne Erwartungen, ohne Ziel, ohne Skript und ohne Zeitplan.

 

 

Als kleine Erinnerung hier nochmal die grundlegenden Aspekte von Shiatsu:

Achtsamkeit   Ruhe
Resonanz   Zuhören
Begegnung   Berührung
Nicht-Tun   Loslassen
Raum geben   Wahrnehmung
nonverbale Kommunikation
Vertrauen

 

 

Erst dann wird es wichtig, wann wir wo mit welcher äußeren Technik arbeiten.

Viel Erfolg auf Deinem Weg.

 

Autor: René Fix, Leiter des Europäischen Shiatsu Instituts Heidelberg

1 Antwort

  • Rebecca sagt:

    Ein sehr schöner, weiser Text, der es auf den Punkt bringt – und der trösten kann… Tatsächlich trifft er auf das ganze Leben zu.
    Vielen Dank!

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