Die (oder eine) Geschichte des Shiatsu

Wenn man über die Geschichte des Shiatsu redet landet man schnell bei der Traditionell Chinesischen Medizin (TCM). Jeder kennt Akupunktur. Da werden auf Grundlage einer umfangreichen und für viele weitestgehend mysteriösen Diagnose Nadeln in Meridiane gesteckt und ein gewisses Ch’i manipuliert. Dadurch lösen sich Rückenschmerzen und dergleichen. TCM ist unendlich viel mehr, doch das wissen nur wenige. Es steckt ein in seinem Wesen grundlegend verschiedenes Verständnis hinter Diagnose und Therapie, als wir das von unseren westlichen Therapieansätzen kennen. Die TCM beherbergt nicht nur Akupunktur, sondern auch Phytotherapie, Ernährungslehre, Körperübungen und eine ganz besondere Berührungskunst.

Die Japaner haben sich insprieren lassen von der chinesischen Philosophie und Gesundheitspflege, doch haben sie ihre eigenen Wurzeln. Die manuelle Therapie ist uralt, wahrscheinlich überall auf der Welt. Schon immer wurde in jedem Winkel unserer Erde mit Berührung Einfluß genommen auf Körper und Geist. Die Hände sind das älteste Werkzeug des Menschen und wurden wahrscheinlich seit jeher auch zur Heilung eingesetzt.

In Japan entwickelten sich schon früh verschiedene Massageformen, wie z.b. das Koho Anma, eine Ganzkörperbehandlung, die sehr viele Parallelen zur chinesischen Tuina-Massage hat. Von zentraler Bedeutung in der japanischen Therapie, wie auch in den Kampfkünsten und wohl auch im alltäglichen Leben, ist das Hara. Wir übersetzen das gerne mit Bauchraum. Die Bedeutung geht aber weit darüber hinaus. Es ist das energetische Zentrum des Menschen, der Schwerpunkt sozusagen, der Ausgangspunkt jeder Handlung, der ganz persönliche Kraftort, unsere Mitte, in der Geist und Körper sitzen. Alles was den einzelnen Menschen ausmacht, zeigt sich hier und kann auch hier berührt werden. Die Japaner entwickelten im 19. Jhd eine ganz spezielle Harabehandlungsform, das Anpuku.

Anma und Anpuku bilden die Grundlage für das Shiatsu, welches sich erst im 20. Jhd herausgebildet hat. Es kamen viele weitere Einflüsse der östlichen Philosophie dazu und nicht zuletzt spielten das Wissen um Anatomy und Physiologie aus der westlichen Medizin eine maßgebliche Rolle in der Entwicklung dieser Berührungskunst.

Zu Beginn des 20. Jhd hatte Shiatsu noch keine klare Form. Es wurde viel vermischt und es gab keine schulische Ausbildung. Tenpeki Tamai veröffentlichte 1919 das Buch Shiatsu Ho und legte sozusagen den Grundstein für ein entstehendes System. Shiatsu begann, sich einen Namen zu machen und es folgten weitere Veröffentlichungen von vielen verschiedenen Praktikern. Bis in die 1940er Jahre hinein war es üblich, dass ein altgediehnter Shiatsumeister sein Wissen und Können an einen oder wenige Schüler weitergab. Dies erschwerte die Verbreitung und die wissenschaftliche Erfassung von Shiatsu ungemein.

Erst Tokujiro Namikoshi (1905-2000) hat Shiatsu groß gemacht. Er war ein sehr charismatischer Mann und man entdeckte schon als Kind seine große Gabe für die Körperarbeit. Er entwickelte über jahrelanges Experimentieren einen ganz eigenen Ansatz, lernte später Anma und formte so einen ganz besonderen Shiatsuansatz, den er schließlich in die Welt getragen hat. 1940 eröffnete er das Japan Shiatsu Institut in Tokio, welches später zum Japan Shiatsu College wurde.

Namikoshi fokussierte seinen Shiatsuunterricht auf die Lehre von Anatomie und Physiologie aus meist westlicher Sicht, kombiniert mit seiner besonderen Lehre der Shiatsudruckpunkte. Seine persönliche Besonderheit war die Berührungsqualität, die er Berührung mit Liebe nannte. „Er war ein begnadeter Meister und seine Behandlungen waren außergewöhnlich.“, schreibt Akinobu Kishi Sensei, einer seiner Schüler.

Sein Shiatsustil und seine College wurden vom japanischen Gesundheitsministerium als einzige Methode anerkannt. Bis heute gibt es kein anderes offizielles Ausbildungsinstitut in der japanischen Shiatsulandschaft.

Das in Europa meist praktizierte Shiatsu hat seine Wurzeln in der Arbeit Shizuto Masunagas (1925 – 1981), ein langjähriger Schüler von Namikoshi. Masunaga hatte genauso wie Namikoshi schon als Kind Gelegenheit, in die Kunst der Körperarbeit eingeweiht zu werden. Seine Mutter arbeitet mit Shiatsu und er konnte schon langjährige Erfahrung vorweisen, als er Ende der 50er Jahre am Shiatsu College mit seiner Ausbildung begann.

Masunaga war ein Forscher, ein Psychologe, ein Mensch mit übermäßig stark ausgebildeter Wahrnehmungsfähigkeit und er brannte für die Weiterentwicklung von Shiatsu. Über 10 Jahre arbeitet er an Namikoshis Institut, bevor er schließlich seinen eigenen Weg einschlug und ein eigenes Institut eröffnete, das Iokai. Er veränderte die Lehrinhalte, die Art, wie Shiatsu vermittelt wurde und legte neue Schwerpunkte. Masunaga betonte die philosophischen Aspekte der Berührungsarbeit und brachte Ideen und Qualitäten aus dem Zen-Buddhismus mit in seine Arbeit. Innere Haltung, Gelassenheit, Absichtslosigkeit, Anfängergeist. Er entwickelte die grundlegende Technik der Arbeit mit Mutter- und Kindhand. Während eine Hand ‚arbeitet‘, ‚hört‘ die andere Hand, die auch auf dem Körper liegt, zu. Das ermöglichte ein besseres in Verbindung gehen, ein sensibleres Arbeiten und angenehmere Behandlungen für den Empfangenden. Er definierte die Arbeit mit den Meridianen und lokalisierte die 12 Zonen an Hara und Rücken. Seine Arbeit war äußerst effektiv und viele Schüler Namokishis durchliefen bei Masunaga ein Postgraduierten-Programm.

Den Weg nach Europa hat Shiatsu weitestgehend über die in den USA lebenden Japaner Wataru Ohashi und Pauline Sasaki erfahren. Ohashi hat Masunagas Buch „Shiatsu“ ins Englisch übersetzt und ihn für Workshops nach USA geholt. Ohashi selbst und auch Pauline Sasaki haben später regelmäßig in Europa unterrichtet und hier die Shiatsuszene mit aufgebaut.

Masunaga hat auch eigene Schüler nach Europa geschickt. So z.B. Akinobu Kishi, der lange Jahre in dessen Auftrag Workshops gegeben hat. Kishi war ein sehr enger Schüler Masunagas und hatte großen Einfluss auf die Europäische Shiatsuwelt. Er selbst lernte auch bei Namikoshi und widmete sich sehr intensiv der Shintopraxis und verschiedenen japanischen Künsten, wie Karate und Kalligrafie.

Nach langjähriger Zusammenarbeit mit Masunaga trennte er sich jedoch von ihm, um sich seiner eigenen Weiterentwicklung von Shiatsu zu widmen. Er nannte seine Arbeit Seiki-Soho und unterrichtete sie ohne schulisches System in Workshops in Europa. Seiki-Soho ist eine sehr ruhige, einfache Arbeit ohne die Notwendigkeit eines großen theoretischen Überbaus. Sie auszuüben bedarf allerdings sehr viel Feingefühl, die Fähigkeit, sich klar zu fokussieren und in tiefe Konzentration zu gehen sowie eine große Bereitschaft, über die eigene Erfahrung zu lernen.

Shiatsu hat in den 80er Jahren den Weg nach Europa gefunden und einen festen Platz in der Welt der alternativen Behandlungsmethoden gefunden. Shiatsu ist zu einem guten Teil europäisch geworden und hat sich weiter entwickelt. Die Wandlung geht weiter.

Quelle: „Sei-Ki: Life in Ressonance – The secret Art of Shiatsu“ von Akinobu Kishi und Alice Whieldon

Autor: René Fix, Leiter des Europäischen Shiatsu Instituts Heidelberg


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