Alternativlose Alternative

Eine zynische und absolut unwissenschaftliche Betrachtung

Als ich klein war, ging man einfach zum Doktor, wenn man was hatte. Das Wort Alternative schien noch nicht geboren. Und dabei rede ich nicht von der DDR, sondern von Westdeutschland.

Ein Arzt, eine Schule, ein Fernsehsender (okay es waren 4), ein Weg. Zumindest für 99% der Bevölkerung. Vielleicht jeder Hundertste ist heimlich abgewichen von diesem Pfad und hat sich auf Entdeckungsreise gemacht.

Das war so in den 70ern, im braven, aufstrebenden, vollbeschäftigten und vielleicht einigermaßen gesunden und wohlhabenden Westdeutschland.

Und dann ist es passiert… die Alternativen sind über Deutschland und den gesamten Westen hereingebrochen. Zu viele Menschen sind auf ihrer Suche nach Indien, China und Japan gereist und haben Versprechungen und neue Überzeugungen mitgebracht. Das Fernsehen berichtet mehr und mehr von fremden Völkern und wilder Natur. Zeitschriften wie National Geografic und Geo machen neugierig auf einen Blick über den hohen Tellerrand unseres kleinen Mitteleuropas.

Der Deutsche sitzt in seinem fetten Sessel und stellt sich erstmals die Frage, ob das alles wahr sein kann. Kann es denn noch einen anderen Weg geben, als den, den ich gehe. Sind Alternativen wirklich eine Alternative und kann mir vielleicht mal jemand erklären, was das überhaupt bedeutet.

Und es wird erklärt. Unzählige zurückgekehrte eröffnen Heilpraxen, Tai Chi Zentren, Kraftorte, Buddhistische Tempel und esoterische Selbsthilfegruppen. Es werden Flyer gedruckt, Journalisten eingeladen und auf den Straßen demonstriert. Die Alternativen sind da und die Freiheit kann endlich beginnen.

Auch Shiatsu erreicht in dieser Zeit die deutschen Körper und mischt kräftig mit auf dem Alternativenmarkt. Aus Japan hat man bisher nicht viel gehört. Da wurden Autos zusammengebaut und Hifi-Anlagen und Kameras neu erfunden. Ach und in Hiroshima hat’s verheerend gekracht damals. Aber Heilung können die doch nicht. Der Zen-Buddhismus hatte es noch nicht hier rüber geschafft und Sushi oder Teezeremonie sollten noch ein paar Jahrzehnte auf den Durchbruch warten.

Doch Shiatsu hat sich schonmal durchgemogelt, mit einem kleinen Umweg über Amerika versteht sich. Doch zu Shiatsu später mehr.

In Deutschland und den meisten westlichen Ländern beginnt ein Zeitalter des Zweifelns, welches Jahrzehnte anhalten soll. Schon in den 90ern wird kaum mehr die Gelegenheit ausgelassen, wie verrückt an allem zu Zweifeln. Man holt sich professionelle Zweitmeinungen ein, lässt sich von fragwürdigen Zeitschriften über Homöopathie und Vegetarismus informieren, besucht Energiearbeiter und Großstadtschamanen, schickt sein Kind auf Montessorischulen und anthropsophische Jugendfreizeiten und weiß immer seltener, was das Richtige ist. Durch wachsenden Zweifel sinkt das Vertrauen ins eigene Tun und Denken, so dass unsere Gesellschaft beginnt zerbrechlich und orientierungslos zu werden. Stress wird der ungeliebte Begleiter auf allen Wegen.

Und genau hier wird es interessant, zeigt sich doch diese Zerbrechlichkeit als essentiell wichtig für einen nahenden Umbruch, der Neues entstehen lässt. Ein altes stabiles System beginnt zu bröckeln. Noch bevor sich ein neues System etablieren kann, braucht es meist eine kahlschlagartige Reinigung, die so richtig auf den Magen geht, sozusagen bis zum Erbrechen.

Achtung! Hier wird´s visionär

Der Zenit dieser Entwicklung war in den späten 2010er Jahren. Hier hat sich kurz vorher so ziemlich alles auf den Kopf gestellt, von dem Finanzsystem über die Politik bis hin zum Gesundheits- und Bildungswesen. Jeder, der was zu sagen hatte, hat einen übergebraten bekommen und der einzige Ausweg war die Alternative. Wir brauchten also die Alternative und konnten froh sein, dass wir sie reingelassen haben nach Deutschland, damals in den 80ern. Es gab extrem wertvolle Alternativen in allen Feldern und sie wurden auf Mark und Bein ausgetestet und bestmöglichst integriert in unser Leben und unsere Gesellschaft.

Nur wenige dieser Alternativen haben die Welt derart neu geformt und bereichert wie dieses japanische Etwas, was keiner so recht ins Deutsche übersetzen und erklären mag. Shiatsu. Das mag daran liegen, das kein Erklärungsversuch dem Inhalt und Vermögen von Shiatsu gerecht wird. Ähnlich wie beim Tao, das man nicht mit Worten vermitteln kann, stößt man beim Shiatsu an seine Grenzen. Aber das ist unerheblich. Genau wie Leben einfach geschieht, ohne dass man es erklären muss, so gibt es auch Liebe und Gott und Energien und die Kunst, das Leben zu berühren, um Veränderung und Wachstum zu bewirken ohne das wir das mit unserer Ratio erfassen müssen.

Bewegung und Wahrnehmung sind zentrale Aspekte, die mit Shiatsu in den Fokus rücken und das führt zu sanfter aber kraftvoller Veränderung. Wir sind mehr als unser Körper, der Stoffe verstoffwechselt und kreisen lässt. Wir sind Geist im Körper und wir dürfen dankbar sein, dass das heute jedes Kind weiß und entsprechend handelt.

Niemand würde sich heute noch einfach so ein Medikament reinpfeiffen, um sich nicht krankmelden zu müssen, um das Geld zu verdienen, was er braucht, um seine Frau mit seinem dicken Auto zu beeindrucken, da sie sonst weglaufen würde (zugegebenermaßen ein sehr plattes Beispiel aus den 00er Jahren).

Heute geht man achtsam um, mit dem was man hat und wer man ist. Die Menschen hören auf ihr Bauchgefühl und wissen, was sie brauchen, um gesund und glücklich zu sein. Heute ist man in tiefem Kontakt mit sich und den Menschen da draußen, weil jeder weiß, dass wir alle zusammen gehören. Wir sind alle Brüder und Schwester, alle 8,5 Milliarden Erdenbürger. Schlage ich auf meinen Bruder ein, schlage ich auf mich selbst ein. Mach ich mich krank durch Stress und Drogen, mach ich meinen Bruder und meine Schwester krank.

Wir achten also auf uns und wissen, was wir brauchen. Die Zeit der Zweifel ist vorbei und ein neues Paradigma hat eingesetzt. Es kann weitergehen mit der Welt, weiter bis zum nächsten Entwicklungsschub.

Heute, im Jahr 2025, können wir zurückblicken auf 20 verrückte und anstrengende Jahre. Wir können stolz verkünden, wir sind angekommen in der nächsten Phase. Ich bin davon überzeugt, wir wären noch mittendrin im Kuddelmuddel, hätten sich damals nicht ein paar mutige Nonkonformisten auf den Weg gemacht, nach Alternativen zu suchen.

Shiatsu finden wir heute an jeder Ecke. Waren es vor 10 Jahren in Deutschland noch über 30.000 Einwohner pro Shiatsupraxis, sind es aktuell pro Praxis nur noch knapp unter 2.000 Einwohner. Das gleicht einer explosionsartigen Entwicklung, die es so auf deutschem Boden noch nie mit einer alternativen „Methode“ gegeben hat. Und es ist so einfach zu verstehen. Shiatsu gibt den Menschen genau das, was sie brauchen, um die Veränderung, die im jungen 21. Jahrhundert anstand, zu durchlaufen. Was für ein Geschenk.

Die Zeit der Zweifel ist vorbei und eine Alternative ist alternativlos geworden. 😉

Autor: René Fix, Leiter des Europäischen Shiatsu Instituts Heidelberg


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